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Gastvorträge des Ägyptologie-Forum Zürich im Frühlingssemester 2022

Champollion und das Totenbuch: Ein Beitrag zur frühen Forschungsgeschichte

Datum:Do, 10. März 2022
Zeit, Raum:18:30 Uhr, KOL-F-117
Referentin: Dr. Barbara Lüscher (Universitäten Basel und Zürich)

Denkt man an Jean-François Champollion und seine erfolgreiche Entzifferung, die sich im Jahre 2022 zum 200. Male jährt, so stehen meist der Rosetta-Stein und die Hieroglyphenschrift im Fokus. Dass sich Champollion jedoch auch sehr intensiv mit einer weiteren Schrift, dem Hieratischen, beschäftigt hatte und bereits im Jahre 1821 eine umfangreiche (wenn auch grösstenteils unpublizierte) Abhandlung dazu verfasst hatte, in welcher er die früheren Theorien über das Hieratische widerlegen konnte, ist vielleicht weniger bekannt. Als Quelle für seine frühen Hieratisch-Studien dienten ihm zu einem grossen Teil Totenbuch-Handschriften. Von diesen gab es allerdings zu Champollions Zeit in Europa noch kaum gute Abbildungen oder gar Originalbelege, so dass er sich sein Material aus frühen Reiseberichten, ersten Katalogen und Sammelbänden – mit mehr oder weniger originalgetreuen Abbildungen – sowie anhand vereinzelter Originalhandschriften in (Privat-) Sammlungen und Kuriositätenkabinetten zusammensuchen musste. Erst mit der allmählichen Publizierung der Bände der berühmten Déscription de l’Egypte wuchs das Material an.
In diesem Vortrag sollen daher einige dieser frühen, zumeist vor-napoleonischen Totenbuch-Quellen, die z.T. bis ins späte 17. Jahrhundert zurückreichen, näher betrachtet und ihre wichtige Bedeutung für Champollions Hieratisch-Studien aufgezeigt werden.


KunstModell – Aspekte eines facettenreichen interdisziplinären Forschungsprojekts

Datum:Do, 7. April 2022
Zeit, Raum:18:30 Uhr, KOL-G-217 EV
Referent: Dr. Helmut Brandl (Humboldt-Universität Berlin)

Zwischen 2018 und 2021 arbeiteten Ägyptolog*innen des Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museums und des Museums August Kestner in Hannover in einem Forschungsprojekt mit Wissenschaftler*innen aus Kiel und Wismar im Sinne einer Systembeschreibung von Modellen und Kunstwerken aus den alten Kulturen Nordostafrikas zusammen, um der Bedeutung von «visuellen Modellen» in der Kultur des pharaonischen Ägypten auf die Spur zu kommen. Es handelte sich um die Kooperation in einem innovativen Forschungsprojekt, das archäologisch-kunsthistorische und naturwissenschaftlichinformatorische Perspektiven miteinander verband und so eine vertiefte Erschliessung der Hildesheimer und Hannoveraner Ägyptensammlungen ermöglichte. Auch nach dem offiziellen Abschluss des Projekts wird weiter angeregt diskutiert. Traditionell ägyptologische Ansätze werden dabei mit informatorischen und kunsttheoretischen Methoden verbunden und die verschiedenen Perspektiven weiterentwickelt; das Ziel ist die Entschlüsselung der Art und Weise der Verwendung der Modelle in spezifischen Szenarien bzw. der Sprache der Objekte. Die Idee, altägyptische Modelle zu untersuchen, entwickelten die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Susanne Deicher (Hochschule Wismar/University of Applied Sciences, Technology, Business and Design) und der Ägyptologe Dr. Christian E. Loeben (Museum August Kestner), die zusammen eine erste Tagung zum Thema im Dezember 2016 in Hannover veranstalteten. Ein daraufhin beim Bundesministerium für Bildung und Forschung der Bundesrepublik Deutschland gestellter Antrag hatte 2018 Erfolg und neben den Institutionen in Hildesheim und Hannover (Ägyptologie) und Wismar (Kunstgeschichte) konnte auch Prof. Dr. Bernhard Thalheim (Lehrstuhl für Technologie der Informationssysteme, Christian- Albrechts-Universität zu Kiel) als Projektpartner gewonnen werden. Neben den bereits genannten Wissenschaftler*innen arbeiteten Prof. Dr. Regine Schulz, Dr. Christian Bayer und der Referent als Ägyptologen am Projekt. Darüber hinaus sind namhafte Kolleg*innen als auswärtige Expert*innen in die Diskussion eingebunden, darunter Dr. Dr. Maya Müller, Dr. Bettina Schmitz und Dr. Robert S. Bianchi. Die faszinierenden Projektergebnisse werden sich in einer ausführlichen Datenbank der Objekte aus Hildesheim und Hannover (von Kim Wachlin, M.Sc., Kiel), in einer populärwissenschaftlichen Internet-Ausstellung (mit ausdruckbarem PDF) sowie in drei Büchern mit vielfältigen wissenschaftlichen Beiträgen finden lassen. Der Vortrag gibt Einblicke in die Fragestellungen des Projektes anhand konkreter Fallbeispiele. Die Forschung an Aegyptiaca aus Hildesheim und Hannover steht im Mittelpunkt. Ausgehend von unstrittig als «Modelle» bezeichneten Objekten (z.B. Scheingefässe und nicht real verwendbare Werkzeuge, teils im Miniaturformat), Darstellungen der Lebensmittelproduktion, insbesondere steinerne und hölzerne «Aktionsfiguren» (nach R. Schulz) aus Gräbern des Alten und Mittleren Reichs werden thematisiert, die – scheinbar – einen ungekünstelten Einblick in die altägyptische Lebenswirklichkeit geben. Als Modelle werden aber auch Relief- und Skulpturstudien aus Kalkstein und Gipsmörtel bezeichnet, die sich vor allem aus den späteren Perioden (vom Neuen Reich bis zur griechisch-römischen Periode) erhalten haben. Hinzu kommen Objekte wie nicht entrollbare Papyrusrollen aus Kalkstein und nicht klingende Musikinstrumente aus Fayence, die in Gräbern und Tempel gestiftet wurden. Von diesen klassischen Zeugen der altägyptischen «Modelle- Kultur» ausgehend wird der Frage nachgegangen, ob und inwieweit auch traditionell als Werke der altägyptischen «Kunst» aufgefasste Objekte, darunter Statuen, Reliefs und Malereien, als Modelle wahrgenommen und beschrieben werden können. Entscheidende Bedeutung bei der Zuschreibung eines allgemeineren Modell-Seins kommt dabei (nach B. Thalheim) der Art und Weise ihrer Verwendung zu und dem Verwendungsszenario, in welchem sich ein solches Modell-Sein erweist.


Das Königskonzept und seine Entwicklung im pharaonischen Ägypten

Datum:Do, 5. Mai 2022
Zeit, Raum:18:30 Uhr, KOL-F-117
Referentin: Prof. Dr. Regine Schulz (Roemer-Pelizäus Museum Hildesheim und Universität München)

Das Königtum war nicht nur die zentrale Staatsform des pharaonischen Ägypten, sondern auch in die theologischen Konzepte und damit in die himmlischen und irdischen, dies- und jenseitigen Vorstellungswelten eingebunden. Deshalb waren die Rolle und Natur des real existierende Königs sowohl menschlich als auch göttlich definiert. Die Darstellung und Beschreibung seiner damit verbundenen Hauptaufgaben waren deshalb fester Bestandteil jedes Tempels. Zu diesen Hauptaufgaben gehörten die Aufrechterhaltung der Weltordnung, von Gerechtigkeit und ethischen Normen (Maat), die Abwehr von Feinden sowie die Versorgung von und Kommunikation mit den Menschen und Göttern. Der Vortrag beschäftigt sich mit der Entwicklung und den Veränderungen des Königskonzeptes sowie seiner Verankerung in verschiedenen theologischen Erklärungsmodellen vom Alten Reich bis in die griechisch-römische Epoche.